Der Grammatik-Polizist

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Der Grammatik-Polizist

Beitragvon Schmuddelkind » 11 Mär 2019, 10:19

"Weswegen kommst du denn nicht?" "Na, wegen den ganzen Klausuren nächste Woche." "Oha!", mahnt der aus dem Nichts auftauchende Polizist. "Sie wissen, weswegen ich Sie anhalte, nicht wahr?" "Nein, tut mir leid", antwortet die junge Dame unter den urteilenden Blicken einiger Passanten etwas unsicher. "Dann lese ich das Protokoll vor: "Na, wegen den ganzen Klausuren nächste Woche." Das haben Sie doch gesagt." "Ja." "Fällt Ihnen etwas an der Deklination auf?" Ach ja, stimmt. Auf "wegen" folgt ja der Genitiv. Tut mir leid. Das habe ich nicht absichtlich getan. Ich war wohl einfach zu unachtsam." "Vielleicht bin ich ja geneigt, ein Auge zuzudrücken, wenn Sie mir sagen können, wie der Genitiv in diesem Fall auszusehen hat." ""Wegen der ganzen Klausuren" müsste es heißen." "So ist es schon viel besser. Der bestimmte Artikel, Plural, Genitiv lautet ungeachtet des Genus stets "der". Allerdings stimmt doch etwas viel Grundsätzlicheres an Ihrem Satz nicht."

"Ähm... Ich... Tut mir leid! Ich weiß es leider nicht." Der Polizist schüttelt den Kopf. "Fällt Ihnen das schon gar nicht mehr auf, wenn Sie solche Fehler so beiläufig machen? Ihr sogenannter Satz ist gar kein Satz." "Nein?" "Was benötigt denn ein Satz unter allen Umständen?" "Ein Verb. Verzeihung! Ein Satz benötigt immer ein Verb." "Ein Satz benötigt immer ein gebeugtes Verb. Da kommt ja inzwischen Einiges zusammen." Der Polizist zögert kurz. "Wenn Sie den Satz jetzt vor meinen Augen korrigieren, will ich auch mein zweites Auge zudrücken." "Oh, vielen Dank! Der Satz hätte lauten sollen: "Ich komme nicht wegen der ganzen Klausuren."" "Es geht doch. "ganzen" scheint mir nicht ganz die korrekte Wortwahl zu sein, aber darum sollen sich die Kollegen der Ausdrucksbehörde kümmern. Achten Sie künftig ein bisschen besser auf Ihre Grammatik! Wir alle können einen kleinen Teil für eine saubere Sprache beitragen", verabschiedet sich der Polizist großmütig.

Die Menschen respektieren Ihn für seine Milde und zugleich ist es diese Milde, die sie dazu anhält, strenger sich selbst gegenüber zu sein, um ihn nicht zu enttäuschen. Bei solchen Kavaliersdelikten hält er ein ehrliches Gespräch unter vernünftigen Menschen für ergiebiger als Bußgelder und schriftliche Verwarnungen. Schließlich könne es jedem einmal passieren, dass man elliptisch antworte oder den Kasus verwechsele. Auch den Indikativ statt des Konjunktiv I bei indirekten Reden zu verwenden, sei verzeihlich, auch wenn er die vielen Verwechslungen bedauert, die daraus resultieren. Doch auch seine Toleranz hat ihre Grenzen: Einmal sah er, schon nach Feierabend (doch wann hat ein Gesetzeshüter je Feierabend?), wie ein Mann seine Frau schlug. Die Frau entgegnete: "So gehst du nicht mit mir um!" und der Mann schlug sie erneut, nur dieses Mal fester, sodass sie zu Boden sackte. Der Polizist eilte hinzu und wies die Frau zurecht: ""So gehst du nicht mit mir um." ist eine Feststellung und falsch noch obendrein. Sie wollten jedoch einen Appell formulieren. Dieser hat stets im Imperativ zu stehen. Der Satz müsste lauten: "Gehe nicht so mit mir um!" Sie müssen sich nicht wundern, wenn Ihr Mann nicht aufhört, Sie zu schlagen, wenn Sie sich so unklar ausdrücken." Obwohl er die Frau aus seiner Nachbarschaft kannte, erlegte er ihr ein Bußgeld auf. Diesbezüglich kennt er keine Freunde, nur Prinzipien. "Manche Menschen", befindet er "lernen es einfach nicht anders."
Symbole sind wahrhaftiger als Beschreibungen; denn sie transzendieren über das Erlebbare hinaus.
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