Bei den alten Sonnenblumen

Ein Waldspaziergang, die rauhe Luft der See, ein Blick hinab in wilde grüne Täler... teile deine Inspirationen mit uns.

Bei den alten Sonnenblumen

Beitragvon gummibaum » 11 Mär 2019, 20:58

Der Schnitt ging um, die meisten Felder fielen,
nur das der Sonnenblumen blieb der Zeit.
Doch hängen hier die Häupter wie im Leid
auf den zur Sonne hin geneigten Stielen.

Sie gleichen Müttern auch, in wehen Armen
die Kinder mit sich tragend auf der Flucht,
sich selbst zerstörend, nur um ihrer Frucht
ein neues Land zu finden und Erbarmen.

Ich bleibe stehen, weil ich plötzlich spüre,
mein Schatten ist gleich ihrem abendlang,
und als ich jetzt ein großes Blatt berühre,

vom Fraß zerlöchert, welk und alterskrank,
und zärtlich meine Hand darüber führe,
da scheint mir, weiß sein raues Haar mir Dank…
gummibaum
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Re: Bei den alten Sonnenblumen

Beitragvon WuI » 12 Mär 2019, 00:16

Hallo gummibaum,

ein schönes Sonett wie ich finde.
Die letzte Zeile löst das Naturbild auf und festigt die angebahnte Assoziation zu Menschen. Ich rätsel an ihr...

Das ganze Gedicht transportiert für mich eine angenehme Atmosphäre. Ich sehe das Sonnenblumenfeld im Spätherbst aus Sicht eines Spaziergängers vor mir. Die Sonne steht tief am Himmel, die Schatten werden länger, das Licht verliert an Schärfe, die Konturen werden weicher... die Vergänglichkeit ist deutlich lesbar aber irgendwie angenehm.

Gern gelesen
Irregute nächtliche Grüße
WuI
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Re: Bei den alten Sonnenblumen

Beitragvon Lentas » 12 Mär 2019, 11:32

Hallo gummibaum,

Sonnenblumenfelder im Herbst, wenn sie nicht abgeerntet worden sind,
sind ein besonders trauriges Bild.

Sind sie doch - sowohl durch die intensive wunderschöne gelbe Farbe und ihr Gesicht,
das sie höher tragen, als die meisten anderen Blumen und stets der Sonne zuwenden - besonders dazu angetan,
uns daran zu erinnern, dass die Sonne unser aller Lebensquell ist.

Der mit Futter prall gefüllte Korb symbolisiert Fülle. Und gemeinsam mit Feldfrüchten und andren Pflanzen, steht die Sonnenblume symbolisch auch für Erntedank.

Wenn nun diese Fülle, dieses intensive und lebensfrohe Gelb, sich dem Verfall hingeben muss und die Ernte verschmäht worden ist und den Wirkkräften des November ausgesetzt , ist dies ein sehr trauriges Bild.

Das hast Du sehr gut transportiert.

Die Blume in ihrem derartigen Siechtum zu berühren, was für eine "sanfte" Idee.

Liebe Grüße

Lentas
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Re: Bei den alten Sonnenblumen

Beitragvon gummibaum » 13 Mär 2019, 12:00

Liebe WuI und liebe Lentas. Ich danke euch für die einfühlsamen Kommentare, die den Inhalt des Gedichts ganz unterschiedlich beleuchten.

Liebe Grüße von
gummibaum
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Re: Bei den alten Sonnenblumen

Beitragvon Schmuddelkind » 13 Mär 2019, 23:48

Lieber Gummibaum,

du hast zunächst das mir bekannte Bild dieser Sonnenblumenfelder im Frühherbst sehr anschaulich beschrieben. Der Vergleich zu den Flüchtlingen, die ein Kind tragen, birgt viel Wehmut, das ein solcher Anblick mit sich bringt, weil man es aufgrund der Reihenfolge so versteht, als ob sich dieses Flüchtlingsbild auf die Sonnenblumen beziehe. Als am Ende jedoch wieder menschliche Aspekte der Sonnenblumen in den Vordergrund treten, scheint sich dieses Verhältnis umzukehren, als wäre das Sonnenblumenfeld eine Metapher für kollektive, leidvolle Erfahrungen, wie eben Vertreibung und Flucht und man kann "nur" - aber immerhin - nach einem Individuum die Hand ausstrecken.

Jedenfalls einfühlsam bedichtet! :)

LG
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Re: Bei den alten Sonnenblumen

Beitragvon gummibaum » 14 Mär 2019, 18:30

Herzlichen Dank, liebes Schmuddelkind.

LG g
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